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Jan

Rückbau Fachwerkhaus von 1750

2009 um 23:42 Uhr Icon Feather von Darien Pfirrmann

Die Suche nach altem, historischem Eichenholz hatte ein Ende gefunden. Ein heutzutage seltener Glücksfall wiederfuhr uns genau zum richtigen Zeitpunkt. Der Rückbau eines kompletten Fachwerkhauses. Heute herrscht, im Vergleich zu vor 20-30 Jahren, ja eher der Trend vor, Altes zu erhalten und zu restaurieren. Bei der Besichtigung unserer Baustelle mit der restauratorisch arbeitenden Zimmerei Seußler erhielten wir den entscheidenden Hinweis. Ein guter Bekannter von Frank Seußler, dem Inhaber der Zimmerei, stehe kurz vor dem Rückbau eines alten Fachwerkhauses von 1750 in Kandel, hieß es. Mehrere Restaurationsfirmen hätten sich das Objekt wohl auch schon angesehen und wären interessiert. Eile war also geboten. Die Balken des Hauses sollten nummeriert und eventuell andernorts wieder aufgebaut werden. Man teilte dem Eigentümer mit, dass sich diese Arbeit ca. ein halbes Jahr hinziehen würde, woraufhin dieser dankend ablehnte. Das Grundstück musste umgehend für eine Neubebauung zur Verfügung stehen. Wir vereinbarten gleich einen Termin.

Ich machte mich am selben Abend, noch vor dem eigentlichen Termin mit dem Eigentümer, auf den Weg nach Kandel, um mir vorab ein Bild zu verschaffen. Als ich dort ankam und das Objekt sah, tat es mir in der Seele weh, dass dieses schöne Haus seinem angestammten Platz entrissen werden sollte. Es war ein stattliches, zweistöckiges Fachwerkhaus eines Schneiders, was das am Eckständer eingehauene Symbol der Schere in einem Kreis verriet. Baujahr ca. 1750, leider aber nirgendwo in Ziffern festgehalten. Die vielen Fachwerkhäuser, die in unmittelbarter Nähe erbaut wurden, sind jedoch alle in dieser Zeit errichtet worden. Also liegt der Verdacht nahe, dass dieses Haus aus der selben Zeit stammen muss.

Das Geschäft war folgendes; wir bauen ab und bekommen dafür das Holz. Am Besten sofort anfangen, hieß es. Schnell hat mein Vater zwei Onkels (seine Brüder) aktiviert, die uns tatkräftig unterstützten. Die folgende Woche am Montag morgen rückten wir an, nicht wissend, was uns die nächsten vier Wochen bevor stehen würde. Momentan überwog aber die Freude über diesen außergewöhnlichen Zufall.

Das Haus wurde binnen vier Wochen von den Firstziegeln bis zum Sockel von uns zurück gebaut. Wir begannen die Ziegeln (Betonpfannen) abzutragen und sie in den im Hof stehen Container zu werfen. Die Höhe machte mir echt zu schaffen. Ich gebe es zu :-D. Zudem bewegte sich das ganze Haus spürbar bei jedem Schritt. Wirklich nicht mein Ding. Egal, Zähne zusammenbeißen. Ich musste zur Arbeit. Als ich Abends nach Feierabend an das Haus kam, war schon das komplette Dach abgebaut. Am ersten Tag halfen noch zwei Freunde des Eigentümers und er selbst, so dass dies recht fix ging.

Um den Bericht ein wenig abzukürzen, beschreibe ich die Arbeitsschritte nur stichpunktartig. Das Herausschlagen der Lehmwickeldecken stand an. Beim Bau des Hauses wurden Eichenstaken mit Strohlehm umwickelt und in die Nuten der Deckenbalken geschlagen. Oben und unten wurde damals die noch feuchte Lehmmasse glatt verstrichen. Des Öfteren lösten sich so große Stücke aus den Balkennuten, dass das ganze Haus bei deren Aufschlag auf dem Boden bebte und die Decke bedenklich zum Schwingen gebracht wurde. Atmen war vor lauter Staub für eine Minute kaum möglich. Nachdem ein Stück von der Decke des zweiten Stockes die des Erdgeschosses durchschlagen hatte und dort auf dem Boden zum Liegen kam, stützten wir die Deckenbalken des Erdgeschosses von unten ab. Nicht zuletzt um das Durchbrechen der Balken durch die Wucht zu verhindern. Um den Lehm und das Stroh entsorgen zu können, hatte ein Bauer eine Rolle unten im Hof positioniert. Allerdings mussten die Eichenstaken vom Lehm und Stroh getrennt werden. Das heisst, dass wir jede einzelne Stake mit dem Beil bearbeitet haben, da diese nicht im Feld entsorgt werden konnten.

Als die Deckenbalken alle komplett freigelegt waren, wurden sie mit dem Brecheisen von den Holzdollen weggehebelt, so dass die Balken frei lagen. Mit einem Seil ließen wir jeden einzelnen Balken die Fassade hinabgleiten, so dass sie sicher geborgen werden konnten. Wie schwer aber 7 m lange massive Eichenbalken sind, kann man nur erahnen, wenn man wirklich mal selbst einen angehoben hat. Unglaublich. Zwei Mann ließen die Hölzer langsam von oben herunter und zwei nahmen sie unten mehr als konzentriert ab. Wäre einem ein solcher Koloss entgegen gekommen, nicht auszudenken, was hätte passieren können. Mit einem Kran konnten wir nicht arbeiten, da dieser im engen Hof keinen Platz gehabt hätte. Darüber hinaus hätte dieser sehr wahrscheinlich mehr Holz zerstört als uns lieb gewesen wäre. Also war Handarbeit angesagt.

Nachdem alle Deckenbalken mehr oder weniger sicher unten angekommen waren, bauten wir Balken für Balken der Wände ab. Mit einem Eisen schlugen wir die Holznägel heraus, um die Holzverbindungen zu lösen. Dies ging eigentlich relativ schnell von statten, wenn da nicht die sehr baufällige Rückseite gewesen wäre. Diese wurde notdürftig gesichert, dennoch musste man jeden Schritt genau bedenken, da die Lehmwickel in der Decke einfach durch die labile Rückseite nicht mehr fest waren. Eine goldene Regel bei Fachwerkhäusern lautet: Gehe immer auf den Balken, da man um die Beschaffenheit der Füllung dazwischen nicht weiß. Diese Regel beachtete ich einmal nicht. Ehe ich mich versah, hing ein Bein einen Stock tiefer. Mit einem Knie und den Armen konnte ich mich gearde noch halten. Allerdings schmerzte mein Knie die folgenden zwei Wochen immer mal wieder enorm.

Alle Lehmwickel der Erdgeschossdecke mussten ebenfalls entfernt und von Stroh und Lehm befreit werden. Es waren hunderte. Eine unglaublich anstrengende Arbeit. Es war nun Anfang Mai und recht heiss. Die Dusche am Abend hat man sich wirklich redlich verdient und gelohnt hat sie sich auch :-D. Die Gefache des Erdgeschosses waren noch nicht komplett entkernt. Diese waren mit Backsteinen ausgemauert. Irgendwann habe ich aufgehört, die 5 m³ Container zu zählen, die wir befüllt haben.

Langsam aber sicher mussten wir uns darum kümmern, wie wir das Holz nach Hause bringen würden. Die Fa. Dieter Rühling aus Insheim stellte freundlicherweise einen Tieflader zur Verfügung. Den LKW steuerte die Firma Robert Klor, Rohrbach (ein Onkel von mir) bei. Das Verladen der langen Balken war eine Mörderarbeit. Die sind soooo schwer :-D. Die kürzeren Balken haben wir alle mit einem 6m Anhänger am PKW transportiert. Den Abschluss der Ladung bildete der 11m lange Weichholzunterzug. Auf dem Heimweg mussten enge Straßen umfahren werden, da es andernfalls wirklich Probleme gegebenen hätte. Zur Sicherheit fuhr ich mit dem PKW und eingeschalteter Warnblinkanlage dem LKW hinterher. Der Tieflader wurde auf dem Gelände der Firma meines Onkels in Rohrbach bis zum nächsten Tag abgestellt, da die Straße bei uns vor dem Haus viel zu eng gewesen wäre, um mit dem ganzen Zug hinein und vor allem unversehrt wieder heraus zu kommen. Also fragte ich beim Weingut Bus in Insheim nach, ob der Tieflader per Traktor in unsere Straße bugsiert werden könnte. Carsten Bus bot gleich seine Hilfe für den folgenden Tag an. An dieser Stelle sei allen hier genannten Firmen nochmal sehr herzlich für die spontane und vor allem kostenlose Unterstützung gedankt.

Wie wir die Balken schließlich entladen haben, lesen Sie bitte im nächsten Bericht.

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  1. Ich habe schon lange nicht mehr ein so interessanten Bericht gelesen!! Zwar finde ich es total schade, da so ein altes Haus weichen mußte, aber das Holz wurde ja gerettet :-)
    und was wurde aus dem Eichenholz?

    Kommentar verfasst von Sabine Lang am 16. Dez. 2011 um 15:17 Uhr






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